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Internationale Kampagne
für ein
faires Insolvenzverfahren für Staaten

„Defuse the
Debt Crisis“ (www.defusethedebtcrisis.org)
Nicht nur in Europa, auch in den Ländern des Südens
hat sich die Schuldensituation zahlreicher Länder als Folge
der globalen Finanzkrise wieder massiv verschlechtert. Darunter
befinden sich auch mehrere Länder mit niedrigem Einkommen,
die im Rahmen der Entschuldungsinitiativen HIPC/MDRI vor der Finanzkrise
weitgehend entschuldet waren.
Die Euro-Länder haben auf die Schuldenkrise in Europa mit
einem gigantischen Rettungspaket reagiert. Die neuen Kredite sollen
dazu dienen, die bestehenden Schulden der notleidenden Staaten
zugunsten der privaten Gläubiger termingerecht zurückzuzahlen,
doch immer mehr Expertinnen und Experten zweifeln die Nachhaltigkeit
dieser Politik an. Es steht zu befürchten, dass Staatspleiten
auf diese Weise nicht verhindert, sondern nur hinausgezögert
und für alle Beteiligten teurer werden. Im schlimmsten Fall
müssen die Steuerzahlenden die Kosten für die gescheiterte
Rettungsaktion tragen. Im Falle Griechenlands sollen erstmals auch
die privaten Gläubiger zur Kasse gebeten und „freiwillig“ auf
die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Ob dies genügt,
um einen Staatsbankrott dieses Landes zu verhindern, ist unklar,
denn noch immer ist die Schuldenquote hoch.
Eurokrise=Vertrauenskrise
Das Vertrauen in den Euro hat stark gelitten.
Nur noch wenige Investoren sind bereit, europäische Staatsanleihen zu kaufen. Und anfang
Dezember 2011 beschlossen die wichtigsten Notenbanken, darunter
auch die Schweizerische Nationalbank, den fast zum Erliegen gekommenen
Interbankenhandel mit neuer Liquidität zu versorgen. Zudem
erwarten die Euro-Länder vom Internationalen Währungsfonds
(IWF) mehr Unterstützung, der sich in einer ungewohnt neuen
Rolle als Retter westlicher Industrieländer sieht.
Die ganze Verunsicherung und Ratlosigkeit der
Politik, die wesentlich zum Vertrauensverlust
auf den Finanzmärkten beigetragen hat, wäre mit der Existenz eines
Schuldenlösungsmechanismus wohl vermeidbar gewesen. Würde der 2003
am Widerstand der USA gescheiterte Umschuldungsmechanismus SDRM (Sovereign Debt
Restructuring Mechanism) des Internationalen Währungsfonds (IWF) heute existieren,
hätten Gläubiger und Schuldner im Falle Griechenlands und anderer Staaten
gewusst, was zu tun ist. Sie hätten ein ordentliches Verfahren mit einem
Panel an Schiedsrichtern und direkten Vehandlungen zwischen Gläubigern und
Schuldnern „aktivieren“ können, wie Jürgen Kaiser von erlassjahr.de
aufzeigt (siehe Dokumentation). Der IWF ist aber auch Gläubiger und somit
hätten berechtigte Zweifel an der Unabhängigkeit des SDRM bestanden.
Die Schweiz ging voran
Die Schweiz hat bereits anfang der 1990er-Jahre
als weltweit erstes Land eine mögliche Alternative aufgezeigt und die Idee eines
Insolvenzrechts für Staaten lanciert. Nötig ist
- ein Insolvenzverfahren
für Staaten, das alle Gläubiger
und alle Schulden einbezieht;
- eine unparteiische Entscheidungsfindung (wir
favorisieren ein unabhängiges Schiedsgericht) sowie
- eine unparteiische Beurteilung (der IWF kann
nicht Gläubiger
und Experte in einer Person sein).
Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich
zudem dafür
ein, dass ein künftiges Schulden-Schiedsgericht die Forderungen
der Gläubiger auch auf ihre Legitimität hin überprüft
und der betroffenen Bevölkerung, resp. der Zivilgesellschaft
ein Anhörungsrecht gewährt wird.
Eine geordnete Schuldenumstrukturierung böte sowohl den Schuldnern
als auch den Gläubigern einen berechenbaren und verlässlichen
Rahmen.

Am 16. November 2011 hat André Rothenbühler
von der Aktion Finanzplatz Schweiz (hinten rechts auf dem Podium)
an einem Side-Event im Rahmen der 8. UNCTAD
Schuldenmanagement-Konferenz in Genf ein Input-Referat gehalten. Dabei zeigte
er mögliche Wege zur Realisierung eines Insolvenzverfahrens für Staaten
auf.
G20-Kampagne am Weltsozialforum lanciert
Die von mehreren Nichtregierungsorganisationen,
darunter die Aktion Finanzplatz Schweiz (AFP), geplante internationale
NGO-Kampagne „Entschärft die Schuldenkrise“ (www.defusethedebtcrisis.org)
wurde am Weltsozialforum in Dakar anfang Februar 2011 lanciert.
Sie wollte die Schaffung eines Schuldenlösungsmechanismus
für Staaten auf die Traktandenordnung des G20-Gipfels in
Cannes (Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer)
vom 3./4. November 2011 bringen. Dazu wurden mehrere Tausend
an Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy addressierte Postkarten
mit dem gepfändeten Eiffelturm verschickt (siehe Bild).
Entsprechend enttäuscht reagierten die AFP und ihre internationalen
Bündnispartner in der Kampagne auf den Ausgang des Gipfels:
„
Nach den Beschlüssen von Cannes werden die G20 in die nächste
Staatsschuldenkrise ebenso unvorbereitet stolpern wie in die Griechenlands
2010. Es wird wieder wichtige Zeit verloren gehen, in denen die
Gläubigerstaaten sich über das Vorgehen erst verständigen
müssen“, erklärte André Rothenbühler,
Geschäftsleiter der AFP, in einer Medienmitteilung. „Die
G20 haben - wie schon die G8 nach der Argentinienkrise 2003 - die
Chance verpasst aus der Krise zu lernen und ein rechtsstaatliches
Verfahren zu entwickeln, mit dem Staatsschulden schnell, wirksam
und fair gegenüber allen Beteiligten reduziert werden können“,
meinte Rothenbühler weiter.
Die Schweiz kann Einfluss nehmen
Die Schweiz konzentriert sich bislang darauf,
das Schulden-Management in einigen Ländern des Südens
zu verbessern. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille
und bietet keine dauerhafte Lösung für die jetzt wieder
hoch verschuldeten Staaten. Zudem zeigen die jüngsten Erfahrungen,
dass neuerliche Schuldenkrisen nie ganz ausgeschlossen werden
können. Es braucht darum auch einen Schuldenlösungsmechanismus,
der in den betroffenen Staaten die Voraussetzungen für eine
nachhaltige Entwicklung schafft.
Die Schweiz, die mit dem starken Schweizer Franken
die Folgen der Eurokrise zu spüren bekommt, hat gute Voraussetzungen , um
ihren Beitrag zur Schaffung eines solchen Mechanismus zu leisten.
Sie hat in der Vergangenheit nicht nur beim Insolvenzverfahren
für Staaten, sondern zum Beispiel auch bei der internationalen
Entschuldungsinitiative HIPC (Heavily Indebted Poor Country Initiative)
eine Vorreiterrolle eingenommen. . Zudem ist Nationalbankpräsident
Philipp Hildebrand seit kurzem Vizevorsitzender des Finanzstabilitätsforums
(Financial Stability Forum), in dem Aufsichtsbehörden und
Notenbanken versammelt sind. Dieses von der G20 ins Leben gerufene
Gremium befasst sich mit Fragen der Finanzmarktstabilität
und Finanzmarktregulierung. Die Schweiz kann sich auch als Mitglied
der Global Governance Group 3G, eines informellen Zusammenschlusses
kleinerer Staaten, die eine bessere Zusammenarbeit mit der G20
anstreben, für ein Insolvenzverfahren für Staaten einsetzen.
Und sie kann Allianzen mit anderen Staaten schmieden, die ähnliche
Ziele verfolgen.
Erfolg für AFP-Arbeit
Die AFP hat seit anfang 2011 auf einen parlamentarischen
Vorstoss für ein Insolvenzverfahren für Staaten hingearbeitet.
In der Herbstsession 2011 hat dann FDP-Ständerat Felix Gutzwiller,
unterstützt von der AFP und mehreren anderen Schweizer Nichtregierungsorganisationen,
ein von 27 Ratskolleginnen und -kollegen mitunterzeichnetes Postulat
für ein Insolvenzverfahren für Staaten eingereicht
(siehe Dokumentation). Der Bundesrat hat die Annahme des Postulats
empfohlen, wobei er sich in seiner schriftlichen Stellunganhme
jedoch auf einen Mechanismus bechränken will, der nur Staatsanleihen
einbezieht. Das haben Alliance Sud, Aktion Finanzplatz Schweiz
und Brot für alle als nicht nachvollziehbar kritisiert,
denn eine Insolvenz bezieht sich logischerweise nicht nur auf
eine Schuldenkategorie, sondern auf alle Schulden. Würde
nur eine Schuldenkategorie einbezogen, so würde dies zu
einer Ungleichbehandlung der Gläubiger führen. Ausserdem
wären die armen Länder von vornherein ausgeschlossen,
da sie sich zumeist nicht am Kapitalmarkt, bzw. über Anleihen
finanzieren.
In der Ständeratssitzung vom 20. Dezember 2011 hat der Ständerat
das Postulat ebenfalls gutgeheissen und damit dem Bundesrat den
Auftrag erteilt, einen Vorschlag für ein Insolvenzverfahren
für Staaten auszuarbeiten. Ständerat Felix Gutzwiller
hatte sich während der Sitzung dafür eingesetzt, dass
das Verfahren auf alle Gläubiger und alle Schulden ausgedehnt
wird. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf stellte die Prüfung
einer solchen Ausweitung in Aussicht.
Fortschritte auf internationaler Ebene
- 2009: Die wiedergewählte norwegische
Regierung hat in ihrer Regierungserklärung (“Soria
Moria” declaration)
festgehalten, dass sie sich für Mechanismen einsetzen
will, die die internationale Verschuldung beseitigen und sich
mit illegitimen
Schulden und international verbindlichen Regeln für die
verantwortliche Kreditvergabe befassen.
- 2009: Die neu gewählte deutsche
Regierung hat im Koalitionsvertrag als Ziel ein internationales
Insolvenzverfahren für Staaten
drin. Ein grüner Bundestagsantrag sollte noch im Dezember
2011 beraten werden.
- 20. Dezember 2010: UN General Assembly
Resolution on External debt sustainability and development
(Paragraph 14: Underlines the fact
that heavily indebted poor countries eligible for debt
relief will not be able to enjoy its full benefits unless all
creditors, both
public and private, contribute their fair share and become
involved in the international debt resolution mechanisms to
ensure the debt
sustainability of those countries;)
- Dezember 2011: Der argentinische Wirtschaftsminister
(und ab sofort Vize-Präsident) Amadou Boudou und der Finanzstaatssekretär
(und ab sofort Wirtschaftsminister) Hernán Lorenzino
sprechen sich für die Schaffung eines umfassenden
und rechtsstaatlichen Entschuldungsmechanismus aus.
DOKUMENTATION
- Postulat Felix Gutzwiller vom 30. September
2011 [pdf
88KB]
- Ein SDRM für Griechenland?, Jürgen
Kaiser,
20. September 2011 [pdf
111KB]
- Deutschsprachiger Kampagnenflyer [pdf
287KB]
- Englischsprachiger Kampagnenflyer [pdf
685KB]
- André Rothenbühler, Neue Kampagne:
Entschärft
die Schuldenkrise jetzt!, 2010 [pdf
44KB]
- Schuldenreport 2011 (mit freundlicher Genehmigung
von erlassjahr.de) [pdf
5.14MB]
- Christoph Paulus, Ein Regelungssystem zur Schaffung
eines internationalen Insolvenzrechts für Staaten, 2010
[pdf
6.8MB]
- Kunibert Raffer, Considerations for Designing
Sovereign Insolvency Procedures, 2005 [pdf
97KB]
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